«Bye-bye Bruneli»: Abschied von einer legendären BLS-Lokomotive
Nach rund 60 Jahren endet die Geschichte einer besonderen Lokomotive: Die Re425, besser bekannt als «Bruneli», verabschiedet sich von den Lötschberg-Rampen. Über Jahrzehnte prägte die braune BLS-Lokomotive den Bahnverkehr im Berner Oberland und darüber hinaus. Ihre letzte Aufgabe war zuletzt der Autoverlad am Lötschberg.
Wer heute eine moderne BLS-Komposition fast lautlos über die Lötschberg-Rampen fahren sieht, kann sich kaum vorstellen, welche Herausforderung der Bahnbetrieb in den 1960er-Jahren darstellte. Steigungen von bis zu 27 Metern pro Kilometer verlangten den Lokomotiven und ihren Lokführern einiges ab. Bis zu 600 Tonnen schwere Zugskompositionen mussten sicher über den Berg bewegt werden.
Als die BLS 1962 die erste dieser Lokomotiven bestellte, begann damit ein neues Kapitel in der Geschichte der Lötschbergbahn. Die ursprünglich als Ae 4/4 bezeichnete Lokomotive verfügte über moderne Technik und wurde speziell für die anspruchsvollen Streckenverhältnisse entwickelt.
Technischer Fortschritt auf der Bergstrecke
Die neu eingeführte Gleichrichtertechnik stellte einen bedeutenden Technologiesprung dar. Dabei wurde der Wechselstrom aus der Fahrleitung in Gleichstrom für die Fahrmotoren umgewandelt. Dadurch konnten die Lokomotiven leistungsfähiger betrieben werden und schwere Züge besser beschleunigen.
Eine weitere technische Besonderheit war die sogenannte Tiefzugvorrichtung. Sie sorgte dafür, dass die Achslasten beim Anfahren an Steigungen optimal verteilt wurden. Dadurch konnte die Haftung zwischen Rädern und Schienen verbessert werden.
Damit war das «Bruneli» bestens für seinen Einsatz am Lötschberg gerüstet. Über Jahrzehnte entwickelte sich die Lokomotive zu einem vertrauten Bestandteil des regionalen Bahnverkehrs und genoss nicht nur bei Fachleuten, sondern auch bei Eisenbahnfreunden Kultstatus.
Vom Personenverkehr bis zum Autoverlad
Die Re425 war allerdings nicht ausschliesslich am Lötschberg unterwegs. Im Laufe ihrer langen Einsatzzeit prägte sie den Bahnbetrieb auf verschiedenen Strecken und wurde für Personen- und Güterzüge eingesetzt.
Besonders eng war die Verbindung zur Region. Ab Ende der 1980er-Jahre wurden zahlreiche Lokomotiven mit Gemeindewappen versehen. Insgesamt trugen 35 «Brunelis» Wappen von Gemeinden – von Aeschi und Frutigen bis hin zu Neuchâtel und Zweisimmen.
Ende der 1990er-Jahre veränderte sich das Einsatzgebiet der Lokomotiven zunehmend. Moderne Pendel- und Triebzüge übernahmen im Personenverkehr immer mehr Aufgaben. Die Re425 wechselte deshalb verstärkt in den Güterverkehr und zum Autoverlad.
Mit der Gründung von BLS Cargo im Jahr 2001 wurden 20 Lokomotiven an die Tochtergesellschaft übergeben. Dort blieben sie noch fast zwei Jahrzehnte im Güterverkehr im Einsatz.
Das Ende einer langen Ära
In den vergangenen Jahren zeichnete sich das Ende der Re425-Flotte zunehmend ab. Die Lokomotiven erreichten das Ende ihres technischen Lebenszyklus. Gleichzeitig wurde die Beschaffung von Ersatzteilen schwieriger und verschiedene Komponenten waren aufgrund ihres Alters zunehmend von Obsoleszenz betroffen.
Hinzu kommt, dass klassische Lokomotiven im heutigen Bahnbetrieb eine deutlich geringere Rolle spielen. Im Personenverkehr setzt die BLS inzwischen hauptsächlich auf moderne Pendel- und Triebzüge wie MIKA oder MUTZ. Im Güterverkehr werden Lokomotiven zudem zunehmend bedarfsgerecht angemietet.
Die Ausmusterung der Re425 ist deshalb das Ergebnis eines bereits seit mehreren Jahren laufenden Prozesses. Ältere Fahrzeuge wurden schrittweise ausser Betrieb genommen und teilweise als Ersatzteilspender verwendet, um den Weiterbetrieb anderer Lokomotiven zu ermöglichen.
Ein Teil der verbliebenen Fahrzeuge wird verkauft oder für andere Zwecke eingesetzt. Einzelne Lokomotiven können auch weiterhin bei historischen Charterfahrten zum Einsatz kommen. Eine besondere Rolle übernimmt die Re425 Nr. 165: Sie bleibt als Teil des historischen Erbes bei der BLS Stiftung erhalten.
Eine letzte Fahrt über den Lötschberg
In den vergangenen Jahren kehrte das «Bruneli» nochmals zu seinen Wurzeln zurück. Seit 2021 war die Re425 nicht mehr im regulären Schweizer Güterverkehr unterwegs und wurde schliesslich nur noch im Autoverlad eingesetzt.
Zwischen Kandersteg und Goppenstein sowie auf der Verbindung zwischen Brig und Iselle gehörte die Lokomotive zuletzt noch zum vertrauten Bild.
Nun schliesst sich der Kreis: Die geplante letzte Fahrt führte am 27. Juli nochmals zwischen Kandersteg und Goppenstein und zurück. Anschliessend ging die letzte verbliebene Re425 in den wohlverdienten Ruhestand in die Werkstätte nach Bönigen.
Vielleicht begegnete sie auf ihrer letzten Reise noch einem modernen MIKA-Triebzug – ein symbolischer Moment für den Wandel der Eisenbahn.
Schwere Bewährungsproben
In ihrer rund 60-jährigen Geschichte blieben auch schwere Zwischenfälle nicht aus.
Besonders tragisch war ein Unfall im Jahr 1978. Die Re 4/4 Nr. 183 kollidierte bei der Jolibach-Brücke mit einem Lawinenkegel und stürzte rund 20 Meter in die Tiefe. Während die Lokomotive im Graben landete, blieben die beiden Wagen an der Brückenbrüstung hängen. Mehrere Personen, darunter der Lokführer, wurden verletzt.
Trotz der erheblichen Schäden wurde die Lokomotive wieder aufgebaut. Sie blieb anschliessend noch während fast vier Jahrzehnten im Einsatz und bis 2025 von weiteren Unfällen verschont.
Auch im Jahr 2007 kam es in Biel Mett zu einem schweren Zwischenfall. Gleich vier Re425 wurden beschädigt, als zwei mit jeweils zwei Lokomotiven bespannte Güterzüge nach einem Fahrfehler auf einer Doppelkreuzungsweiche frontal ineinander prallten. Einer der Lokführer wurde leicht verletzt. Eine Lokomotive musste anschliessend verschrottet werden, während die drei anderen wieder instandgesetzt wurden.
Ein Stück Eisenbahngeschichte verabschiedet sich
Mit dem Ende der Re425 geht nicht nur eine Lokomotivserie in den Ruhestand. Für viele Menschen in der Region verschwindet damit auch ein vertrauter Anblick aus dem Alltag.
Das «Bruneli» war über Jahrzehnte ein Symbol für die Leistungsfähigkeit der BLS, für die anspruchsvollen Lötschberg-Rampen und für die enge Verbindung zwischen Bahn und Region. Gemeindewappen, schwere Güterzüge, Personenzüge und zuletzt die Autoverladezüge machten die Re425 zu einem festen Bestandteil der regionalen Eisenbahngeschichte.
Während moderne Triebzüge heute leiser, effizienter und technisch weit fortgeschritten unterwegs sind, bleibt das «Bruneli» vielen Eisenbahnfreunden und ehemaligen Reisenden in Erinnerung.
«Bye-bye Bruneli» – und danke für rund sechs Jahrzehnte Eisenbahngeschichte am Lötschberg.
Unterstützung für diesen Beitrag: Patrick Belloncle, BLS Historic
Quelle: BLS














