Artfestival Interlaken 2026: Wenn sich Kreise schliessen und Neues entsteht
Rund 580 Besuchende, Kunst unter freiem Himmel, Rap und Jodel, Performances,
Gespräche, Workshops und viele unerwartete Begegnungen: Das Artfestival Interlaken
hat die Des-Alpes-Wiese während vier Tagen in einen lebendigen Kunst- und
Kulturraum verwandelt. Die 12. Ausgabe war einmal mehr ein Erfolg – und hat gezeigt,
weshalb es solche Räume in der Region braucht.
Vom 10. bis 13. September 2026 fand das Artfestival erstmals vollständig unter freiem
Himmel statt. Rund 25 Kunstschaffende aus der Region und der ganzen Schweiz
bespielten die Des-Alpes-Wiese mitten in Interlaken. Rund 580 Menschen besuchten das Festival während der vier Tage.
Dabei wurde Kunst nicht einfach ausgestellt und betrachtet. Die Ausstellung regte Gedanken und Gespräche an und lud zum Mitmachen und eigenen Kreativsein ein. Kunstschaffende erzählten vor Ort von ihren Arbeiten und kamen mit den Besuchenden ins Gespräch.
Werke entstanden und veränderten sich während des Festivals – die Wiese wurde zu einem Ort, an dem Kunst Begegnungen auslöste. Ins Auge stachen auch die vielen gebastelten Insekten des Tüftlers und Künstlers Babu Wälti aus Gümligen. Mit knapp 20 Insekten unterstützte er das Deko-Ressort und traf damit das diesjährige Setting auf offener Wiese perfekt. Höhepunkt seiner Arbeiten war eine elektrische Schnecke, die auf einer Zugschiene über die Bühne hin und her kroch.
«Who the f*ck is Artfestival, anyway?»
Einer der Höhepunkte fand am Samstagnachmittag statt und stellte eine Frage ins
Zentrum, die das Kollektiv schon länger beschäftigt: Warum ist das Artfestival innerhalb seiner Blase längst bekannt, kämpft aber nach zwölf Ausgaben in Interlaken noch immer um Sichtbarkeit?
Unter dem Titel «Gesprächsrunde – zu uns, Kultur und der Region: Who the f*ck is Artfestival, anyway?» wurde darüber diskutiert, welche Rolle alternative Kunst- und
Kulturangebote in der Region spielen und weshalb es sie braucht.
Was aus dem Gespräch deutlich hervorging, entspricht genau dem, was das Artfestival
seit seinen Anfängen bewirken will: Es braucht Räume, in denen Kunst, Kultur und Begegnung stattfinden können, ohne dass Konsum oder Gewinn im Zentrum stehen. Räume, in denen unterschiedliche Menschen zusammenkommen und sein können, wie sie sind – getragen von einem respektvollen und solidarischen Miteinander. Dazu gehört auch Awareness: aufeinander zu achten, persönliche Grenzen zu respektieren und gemeinsam Verantwortung für einen möglichst sicheren und offenen Raum zu übernehmen.
Gerade in einer stark vom Tourismus geprägten Region sind nicht gewinnorientierte
Kulturangebote wichtig, die sich an die Menschen richten, die hier leben und
unterschiedliche Generationen, Szenen, Lebensentwürfe und Interessen
zusammenbringen. Genau ein solcher Ort will das Artfestival sein.
Von Sexismus im Après-Ski bis zu Rap aus Ringgenberg
Auch das Rahmenprogramm sorgte für zahlreiche Höhepunkte. Erstmals wurden
Performances direkt ins Bühnenprogramm integriert. Besonders in Erinnerung blieb das Stück «lawinen oder joana, du geile sau» von Elisa Bruder aus Zürich, das sich mit
Sexismus in bekannten Après-Ski-Hits auseinandersetzte – pointiert, unbequem und
passend zu einem Festival, das Kunst auch als Möglichkeit versteht, gesellschaftliche
Themen sichtbar und diskutierbar zu machen.
Ein besonderer Moment folgte mit dem Konzert des Ringgenberger Rappers Leany. Für seinen Auftritt holte er verschiedene Gäste auf die Bühne – darunter die lokalen Rapper von Rapamole, früher bekannt als 4Life.
Damit schloss sich ein Kreis: Bereits vor zwölf Jahren standen Rapamole bei der ersten Ausgabe des Artfestivals in der alten Zimmerei Weibel in Matten auf der Bühne. 2026
waren sie wieder da. Der Abend zog auch ein jüngeres Publikum an, es wurde getanzt
und gefeiert. Ein schönes Bild dafür, was das Artfestival über die Jahre geworden ist:
Generationen wechseln, neue Menschen kommen dazu, andere kehren zurück – und
Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander.
Schreiben, Pétanque spielen, Lichtbilder machen – und gemeinsam jodeln
Der Sonntag stand erstmals ganz im Zeichen der Workshops. Es wurden Briefe
geschrieben, gemeinsam mit dem Pétanque Club Jungfrau Kugeln geworfen und
Lumenprints hergestellt. Bei dieser fotografischen Technik werden lichtempfindliche
Materialien mit Pflanzen und Gegenständen belegt und dem Sonnenlicht ausgesetzt.
Verwendet wurden unter anderem natürliche Materialien direkt von der Festivalwiese so hinterliess der Ort selbst seine Spuren in den entstandenen Bildern.
Ganz besonders wurde es beim Jodelworkshop. Unter der Leitung von Peter Anken,
einem bekannten Jodler und Lehrer aus der Szene, machten Teilnehmende erste
Erfahrungen mit dem Jodeln.
Was zunächst für manche ein neugieriges Ausprobieren war, entwickelte eine
unerwartete Kraft. Gemeinsam zu singen war berührend und verbindend. Beim
abschliessenden Jodeln entstand einer jener Momente, die sich kaum planen lassen:
Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen, Interessen und Erfahrungen standen zusammen auf einer Wiese in Interlaken und sangen. Vielleicht lässt sich kaum besser erklären, worum es beim Artfestival geht.
Und jetzt? Weitermachen.
Nach der zwölften Ausgabe ist für das Kollektiv klar: Das Artfestival soll weitergehen.
Auch 2027 möchte der Verein Artfestival Interlaken Kunstschaffenden eine
niederschwellig zugängliche Plattform bieten und alternative, nicht gewinnorientierte
Kunst und Kultur in der Region fördern. Wo das nächste Artfestival stattfinden wird? Das weiss momentan noch niemand.
Die Suche nach einer geeigneten Zwischennutzung beginnt einmal mehr von vorne. Doch nach zwölf Ausgaben an unterschiedlichsten Orten – von Zimmerei und Gärtnerei über Lagerhalle und Hotel bis zur Wiese mitten in Interlaken – hat das Artfestival oft genug bewiesen: Es braucht nicht den perfekten Ort, damit etwas passieren kann.
Das Artfestival funktioniert überall. Es verändert seine Form, eignet sich Räume an und bringt Menschen zusammen. Und dann passiert Kunst.
Text: Lia Näpflin/K
Quelle: Silvan Dietrich und Oliver Blessing
Bild 2 und 6: Die Insekten von Babu Wälti
Bild 14: Die Performance von Elisa Bruder
Bild 15 und 16: Das Konzert von Leany
Bild 10: Das Kernteam des Artfestival Kollektivs: (vlnr) Ida Snitgaard, Jori Heubach, Lara
May Züllig, Lia Näpflin, Fritz und Nicole Bürki, (vorne) Sofia und Laura Snitgaard. Nicht auf
dem Bild Rue Rojas und Michèle Räz.














