Nach den Wahlen ist vor den Wahlen: Die Bürgerlichen von Thun blasen zum Grossangriff
20 Wochen nach der Ersatz- und Ergänzungswahl steht Thun vor der nächsten Weichenstellung. Die Gesamterneuerungswahlen Ende November versprechen Hochspannung. Die GwärbPoscht deckt auf, warum es in der Mitte so richtig knallte und was sonst noch für Spielchen liefen. Die Bürgerlichen freut’s – und blasen jetzt zum Grossangriff.
Das Thuner Stadtpräsidium ist mit Eveline Salzmann in SVP-Hand – wie schon über die letzten 16 Jahre, mit Raphael Lanz. Und so dürfte es auch bleiben. Kaum jemand wird ernsthaft in Erwägung ziehen, die erste Stadtpräsidentin in der Geschichte der Stadt 20 Wochen nach dem klaren Ersatzwahlsieg nochmals anzugreifen – es käme einem Affront gleich. Damit wäre Salzmann still gewählt. Aber um Stapi zu bleiben, ist die Wiederwahl am 29. November 2026 in den Gemeinderat Voraussetzung – doch das ist für die 52-jährige Juristin und ehemalige Thuner Gerichtspräsidentin zweifelsfrei Formsache.
Dennoch: Die Gesamterneuerungswahlen bergen Zündstoff: So auf Stufe Parlament, mit der Wahl von 40 Stadtratsvertretungen – insbesondere aber auf Ebene Gemeinderat – mit fünf Mitgliedern.
Bei der Ersatz- und Ergänzungswahl vom 5. Juli 2026 sprengte ein wenig bekannter SP-Kandidat überraschend die bürgerliche Regierungsmehrheit – selbst Verbalaussetzer in Fäkalsprache brachten ihn nicht zu Fall. Mit dem SP-Mann verlor die wählerstärkste Partei Thuns einen ihrer drei Sitze – seither verfügt Links-Grün über die Mehrheit in der Exekutive.
Das passt den Bürgerlichen natürlich überhaupt nicht. Darum blasen SVP, FDP und die neu gegründete Demokratische Allianz (DA) nun zum Grossangriff. Mittels Listenverbindung wollen sie den verlorenen Gemeinderatssitz zurückerobern und damit die bürgerliche Mehrheit rückkorrigieren.
Ob das letztlich der SVP, der FDP oder DA gelingt, spielt eigentlich keine Rolle. Hauptsache: Gemeinsam bürgerlich – als unmissverständliche Ansage.
SVP: Neue Ausgangslage
Die SVP Thun freut sich zwar über die erfolgreiche Verteidigung des Stadtpräsidiums, der verlorengegangene Regierungssitz aber schmerzt – zumal der SVP die drei Sitze eigentlich bis Legislaturende zugestanden wären. Aber mit dem Abgang von Raphael Lanz kam es unvorhergesehen zu einer vorgezogenen Ersatz- und Ergänzungswahl. Und diese lief für die SVP Thun bekannterweise nicht nach Wunsch.
Einmal mehr zeigte sich: Bei Majorzwahlen schneidet die Volkspartei oft schlechter ab als im Mehrheitsprinzip (Proporz). SVP-Gemeinderatskandidat Valentin Borter war als Parteipräsident ein qualifizierter und durchaus ernstzunehmender Sitzanwärter mit Format. Er zeigte Mut und übernahm Verantwortung in einer schwierigen politischen Situation.
Andere verzichteten auf eine Kandidatur, um sich lieber still und leise für die Gesamterneuerungswahlen in Position zu bringen – ist halt bequemer.
Nach dem 1. Wahlgang lag Borter noch vor dem SP-Kontrahenten, bei der Stichwahl verlor er dann aber klar. Da der 31-jährige Jungunternehmer die Zukunft noch vor sich hat, kann er seine politische Karriere unaufgeregt, entspannt und ohne Druck weiterverfolgen.
Sein Abschneiden analysierte er minutiös – so auch im Wissen, dass er derzeit 1. Vizepräsident des Stadtrats ist und 2027 zum höchsten Thuner aufsteigt.
Nach einer sauberen Auslegeordnung mit tiefgründiger Resultatanalyse entschied sich Valentin Borter dieser Tage, am 29. November für die SVP nicht nochmals in den Ring zu steigen. Mit dem Verzicht setzt er nicht nur ein deutliches Zeichen, sondern schafft auch Raum für eine neue Kandidatur, was parteiintern für Respekt sorgt.
SVP: Es geht nicht ganz ohne Lanz
Da es in Thun nicht ganz ohne Lanz geht, tritt nun SVP-Urgestein Serge Lanz auf der fünften Linie neben Eveline Salzmann und Reto Schertenleib (beide SVP/bisher) an.
In Thun kennen Serge Lanz, den ehemaligen Serien-Schweizermeister des Rollhockeyclubs SC Thunerstern, viele Leute. Politisch bringt er einen prall gefüllten Rucksack mit: Vom 1. Januar 2012 bis 30. September 2021 sass er für die Bürgerlichen im Stadtrat – und das mehr als engagiert: Er war Mitunterzeichner von 63 Vorstössen, des Weiteren amtete er auch über zwei Jahre als SVP-Fraktionspräsident (2019 bis 2021).
Der neue Lanz gilt wie der Ehemalige als dossierfest. Er ist ein Macher und Umsetzer. Inhaltsloses Palaver und Stillstand behagen ihm nicht.
Serge Lanz verfügt über interdisziplinäres und vernetztes Denken, ist konsensorientiert und teamfähig. Alles Voraussetzungen also, um für ein Exekutivamt qualifiziert zu sein. Der Wechsel in eine Direktion dürfte ihm auch deshalb leicht fallen, da er als ausgebildeter Betriebsökonom MBA beruflich stets in Führungsfunktionen tätig war.
Mit dem SVP-Gemeinderatsticket Eveline Salzmann (kumuliert), Reto Schertenleib (kumuliert) und Serge Lanz (Linie 5) verfügt die SVP nicht nur über ein sehr starkes Gespann, sondern bringt auch nötige Pferdestärken auf die (Wahlkampf-)Rennbahn.
Die Mitte-Querelen – bis zum Knall im Mai 2026
Rückblick: Am 29. November 2025 luden SVP, FDP und Die Mitte Thun zu einem «gemeinsam bürgerlichen Anlass» in den Freienhof – und zelebrierten da vor Thuner Wirtschaftsvertretern und viel interessiertem Publikum bei Hörnli & Ghackets nie dagewesene Geschlossenheit.
Zwischen den drei bürgerlichen Thuner Parteien schien alles auf eine Listenverbindung hinauszulaufen – und wurde so von den Anwesenden auch erwartet. Die SVP und die FDP präsentierten ihre Kandidierenden – so auch Die Mitte, mit den Stadträtinnen Angelika Zimmermann und Lara Müller – als mögliche Gemeinderatskandidatinnen.
Fünf Monate später war klar: Die Mitte-Show im Aare-Saal war purer Fake. Alles Lug und Trug – und nur Schall und Rauch. Die anwesende Wirtschaft, so auch die Spitzenvertretungen von Thuner KMU und des Verbands Wirtschaft Thun Oberland, wurden allesamt getrickst. Nicht von Seiten SVP und FDP – sondern einzig und allein von Die Mitte Thun.
Die kommenden Monate sollten dies bestätigen.
DA entstand aus der Mitte heraus
Nach erstaunlich ruhigen Wintermonaten kam es im April 2026 – wenige Wochen vor der Ersatz- und Ergänzungswahl – in der Mitte schliesslich zum Knall.
Der 24. April 2026, als die Listenverbindung zwischen SVP, FDP und Die Mitte durch die drei Parteipräsidenten schriftlich fixiert wurde, brachte das Fass offenbar zum Überlaufen. Dies obwohl alle Präsidenten von ihrer jeweiligen Partei hierzu legitimiert waren.
Alois Studerus, Angelika Zimmermann und Lara Müller – zu dieser Zeit alle noch amtierende Stadtratsmitglieder von Die Mitte Thun – zogen nach dem Schulterschluss alle Register und setzten Parteipräsident Oliver Knecht so sehr unter Druck, bis dieser schliesslich frustriert hinschmiss.
Weil ihm die Machtkämpfe, Intrigen und Partikularinteressen klar zu weit gingen, erklärte er per 1. Mai 2026 auch gleich seinen Austritt aus Die Mitte Thun. Drei weitere Mitte-Mitglieder taten es ihm gleich – und traten ebenfalls aus.
Zu viert gründeten sie dann die neue Demokratische Allianz (DA) – seit Sommer ist DA in Thun als neue politische Kraft Mitte-orientiert unterwegs – mit Oliver Knecht als Präsident.
Innerparteilich herrscht Ruhe, die Neo-Partei setzt auf Inhalte. DA steht für freiheitlich, demokratisch, wirtschaftsfreundlich, sozialbewusst, sicherheitsschätzend und kämpft gegen unnötige Bürokratie.
Im Zusammenspiel mit SVP und FDP Thun funktioniert DA sehr gut und bildet mit der FDP neu eine Fraktion.
Ende November steigt die Neo-Gruppierung mit vier Kandidierenden auf fünf Linien in die Gemeinderatswahlen: Mit ihrer Stadträtin Astrick Reist und den Mitgliedern Darshikka Krishnanantham-Vadivelu, Oliver Knecht und Tahir Pardhan; letzterer als Spitzenkandidat kumuliert.
Und was passierte mit dem linken Mitte-Flügel?
Die drei feuerverursachenden Laienschauspieler im Thuner Polit-Stadttheater blieben ihrer Mitte natürlich treu. Aber sie wechselten das Lager, liessen die FDP als Fraktionspartnerin rechts liegen und übersiedelten zu GLP/EVP und EDU.
Mit PARTEILOS zog gleich noch eine weitere Gruppierung mit ins Boot, wodurch die neue Fraktion GLP/EVP/EDU/Die Mitte/PARTEILOS beschlossene Sache war.
Das Sommertheater, ausgelöst von Die Mitte Thun, sorgte so über Wochen für mächtig Gesprächsstoff – selbst das Lokalblatt bemühte sich aus dem Schützengraben und befeuerte das Thema mit fetten Schlagzeilen.
Bei Szenenkennern sorgte die Posse nur noch für ungläubiges Kopfschütteln. So auch bei alt-Gemeinderat Konrad Hädener: Über fast ein Jahrzehnt war er das CVP- und Die Mitte-Aushängeschild Thuns.
Im November 2014 schaffte er als damaliger CVP-Kandidat den Einzug in den Gemeinderat, vier Jahre später gelang ihm für Die Mitte souverän die Wiederwahl. Hädener war schliesslich acht Jahre Thuner Bauvorsteher – und machte über die ganze Dauer einen blitzsauberen Job.
Nach dem unrühmlichen Theater zog er die Konsequenzen und trat aus der Ortspartei Die Mitte Thun aus.
Pikant: Er war eigentlich Mitte-Wahlleiter – und damit verantwortlich für die Gesamterneuerungswahlen. Mit seinem Parteiaustritt war das Mandat vom Tisch.
Pikant: Mit Hädener zog gleich noch eine weitere prominente Thuner Persönlichkeit die Reissleine: Alt-Gemeinderätin Ursula Haller. Die Mitbegründerin der ehemaligen BDP – der späteren Die Mitte – goutierte das Geschehene ebenfalls nicht und entschied «ernüchtert und auch traurig aufgrund der schwer nachvollziehbaren Ereignisse», sich definitiv zurückzuziehen.
Auch sie trat im Frühjahr 2026 aus der Ortspartei Die Mitte Thun aus.
Bislang sickerte all das nicht durch – aber das Geschehene gibt zu denken: Ein Trauerspiel sondergleichen.
Die Rolle von PARTEILOS
Nebendarstellerin im unsäglichen Mitte-Frühsommertheater war übrigens noch eine andere Gruppe: PARTEILOS – mit deren Leitfigur Matthias Zellweger.
2018 trat er in gelben Hosen gegen Raphael Lanz an – und zog klar den Kürzeren. Lanz zog ihm mit 62,7 Prozent der Stimmen so richtig die Jeans runter – und blieb Stadtpräsident. Der Unterlegene sprach zwar von einem «Achtungserfolg» – doch das sahen viele anders.
Wie 2022 hat Zellweger auch im November 2026 nicht vor, nochmals für den Gemeinderat oder das Stadtpräsidium zu kandidieren – das Alter lässt grüssen.
Entsprechend verpackte er seinen Verzicht im Frühling in eine schriftliche Inszenierung, auf welche die Thuner Medienwelt mit Sicherheit gewartet hat.
Da PARTEILOS seit der Gründung und einer fraktionslosen Stadtrat-Kleinvertretung im städtischen Parlament mehrfach Schiffbruch erlitt und kaum ernst genommen wurde, bot sich die neue Mitte-Fraktion geradezu als DIE perfekte Seenotrettung an.
Damit das Manöver für ein neues Fraktionskonstrukt gelingt, kommandierte der ehemalige FDPler Zellweger hintergründig die Brücke – zwecks Zusammenschluss.
Doch er machte seine Rechnung ohne seine beiden PARTEILOS-Stadträte Marc Fritschi und Sandro Badertscher: Die wollten nämlich nicht überschiffen.
Als Zellweger offenbar zu viel Druck auf sie ausübte, leckte der parteilose Kutter und es kam zur Havarie: Alt-Statthalter Fritschi und Unternehmer Badertscher sprangen von Bord und erklärten am 2. Juli ihren Doppelrücktritt als Stadträte von PARTEILOS.
Zellweger war’s egal – es rutschten ja zwei nach.
Aus der neuen Fraktion GLP/EVP/EDU/Die Mitte/PARTEILOS soll nun ein Gemeinderatsmitglied geboren werden – fünf Personen grossmehrheitlich links der Mitte stehen hierfür laut Kampagnenplanung offenbar bereit: Stadträtin Vanessa Meier (GLP), Stadtrat Jonas Baumann-Fuchs (EVP), Stadträtin Mirjam Waber (EDU), Stadträtin Angelika Zimmermann (Die Mitte) und Eveline Bütler-Oesch (PARTEILOS).
Mit diesem 5er-Ticket mit vier Frauen und einem Mann soll bei den Gesamterneuerungswahlen unter dem Wahlkampfslogan «Zusammen Thun» ein Regierungssitz erobert werden – was mit fünf Linien und dem Mitte-Eklat wohl schwierig werden dürfte.
Und ob Thun im 5-köpfigen Gemeinderat wirklich vier Frauen will, steht auf einem anderen Blatt…
FDP: Endlich wieder kompetitiv
Zum Schluss: Wenigstens bei der FDP Thun ist aktuell alles auf Kurs. Parteipräsident und Stadtrat Reto Beutler setzt klare Akzente – sein Credo: Auf Worte müssen Taten folgen.
Damit hat er seiner Partei ein neues Gesicht verliehen. Deshalb mehr als legitim, dass Reto Beutler selbst am 29. November als FDP-Spitzenkandidat kumuliert für den Gemeinderat kandidiert.
Die Partei kämpft seit 2018 und der Abwahl von Bauvorsteherin Jolanda Moser (FDP) vergebens um den Wiedereinzug in die Regierung. Das soll sich nun ändern.
Das Gemeinderatsticket der FDP komplettieren Aliosha Walter, Christian Urban Schilling und Ricarda Bender-Gàl.
Damit die Rückkehr in den Gemeinderat endlich gelingt, dafür sorgt FDP-Wahlleiter Michael Bircher. Er hat das Dossier fest im Griff – die Kampagne wirkt professionell, aussagekräftig und stark – so auch auf Ebene Stadtrat.
Erfreulich, dass die Liberalen nach durchwachsenen letzten Jahren nun stärker aufgestellt sind denn je. Für die Bürgerlichen wichtig, so auch im Zusammenspiel mit SVP und DA bzw. via Fraktion FDP/DA.
Fazit
Die Thuner Gesamterneuerungswahlen vom 29. November werden mit der neuen Ausgangslage zu einer Richtungswahl. Spielt die Listenverbindung SVP, FDP und DA, haben die Bürgerlichen gute Chancen, die Mehrheit im Gemeinderat zurückzuerobern.
Gleichzeitig wird der neue Mitte-Block sowie die SP um jede Stimme kämpfen. Ob die Sozis mit Neo-Gemeinderat Domeyer den Sitz verteidigen können, ist fraglich.
Im Gesamtinteresse der Wirtschaft – so auch von Thuner KMU – ist und bleibt bürgerliche Politik für Thun zentral. Thuner KMU setzt hierbei nun klar auf SVP, FDP und DA. Eine andere Unterstützung ist undenkbar – nach allem, was über die letzten Monate vorgefallen ist.
Am 29. November 2026 bietet sich die Gelegenheit, im Gemeinderat die bürgerliche Mehrheit zurückzuerobern. Dafür benötigt es jede bürgerliche Stimme – ansonsten spielen künftig Laienschauspieler das Zünglein an der Waage…
Übrigens: Dieser Tage, am 14. September 2026 – parallel zur Publikation dieser Ausgabe – ist Meldeschluss für die Wahlvorschläge (Stadtrat, Gemeinderat und Stadtpräsidium). Eingaben müssen bis um 16.00 Uhr bei der Stadtkanzlei eingereicht werden.
Man darf gespannt sein, was da rauskommt – und ob niemand den Termin verpasst hat. Kam ja auch schon vor, im September 2021 – als EVP-Stadtrat Jonas Baumann-Fuchs infolge eines «sau blöden Fehlers» das «Rathaus um 4» um 20 Sekunden zu spät erreichte, womit die Kandidatur vom Tisch war.
Text: Marco Oswald Bild: Thuner KMU














