Kunst, Collage und neue Perspektiven: Zwei Ausstellungen im Kunstmuseum Thun
Das Kunstmuseum Thun widmet die Saison 2026 zwei spannenden künstlerischen Positionen: Hans Gerber und Sabine Hertig setzen sich in der Ausstellung Schnittstellen der Sicht mit der Wandelbarkeit der Collage auseinander. Im Thun-Panorama lädt die Zürcher Künstlerin Susanne Keller mit poetischen Guckkastenwelten, Fotografien und Texten zu einer entschleunigten Entdeckungsreise ein.
Kunstmuseum Thun
Hans Gerber und Sabine Hertig – die Wandelbarkeit der Collage
Mit mehr als 400 Werken besitzt das Kunstmuseum Thun einen bedeutenden Nachlass des in Steffisburg geborenen Künstlers Hans Gerber (1910–1978). Nach der letzten Einzelausstellung in Thun im Jahr 1980 wird sein Schaffen nun neu betrachtet. Die Ausstellung Schnittstellen der Sicht. Hans Gerber und Sabine Hertig läuft vom 22. August bis 29. November 2026.
Im Mittelpunkt steht die Collage – eine Technik, die sich seit ihren avantgardistischen Anfängen in den 1910er-Jahren immer wieder verändert hat. Was zunächst vor allem aus dem Ausschneiden und Zusammenfügen von Materialien bestand, entwickelte sich zu einem vielseitigen künstlerischen Ausdrucksmittel. Heute wird die Collage auch genutzt, um gesellschaftliche Entwicklungen, Medienbilder und die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit kritisch zu hinterfragen.
Die Ausstellung stellt die Arbeiten von Hans Gerber den Werken der Basler Künstlerin Sabine Hertig (*1982) gegenüber. Zwei Generationen, zwei unterschiedliche künstlerische Kontexte – und dennoch überraschende Gemeinsamkeiten.
Gerber beschäftigte sich besonders in den 1950er-Jahren intensiv mit der Collage. Er verstand sie zunächst als Erweiterung seiner bildhauerischen Arbeit. Seine Werke sind geprägt von einer klaren, kontrollierten und sorgfältig komponierten Formensprache.
Sabine Hertig verfolgt einen deutlich anderen Ansatz. Die in Basel lebende Künstlerin ist für ihre grossformatigen, detailreichen und vielfach schwarz-weissen Collagen bekannt. Aus Tausenden von Zeitungs- und Magazinausschnitten entstehen komplexe Bildwelten. Aus der Distanz wirken sie beinahe wie gemalte Szenen, während sich aus der Nähe unzählige einzelne Fragmente und Geschichten entdecken lassen.
Die Idee zur Ausstellung entstand aus dem Wunsch der Kuratoren Cornelius Krell und Anja Seiler, Gerbers umfangreiches Werk neu zu betrachten. Seit mehr als vier Jahrzehnten wurde sein Schaffen nicht mehr umfassend wissenschaftlich aufgearbeitet. Durch eine Schenkung seines Lebenspartners Hans Walter gelangten bereits in den 1980er-Jahren zahlreiche Werke in die Sammlung des Kunstmuseums Thun. Sie reichen von frühen Arbeiten bis zu späteren Schaffensphasen.
Ein besonderes Highlight erwartet das Publikum am Mittwoch, 21. Oktober 2026, um 19.30 Uhr: In Zusammenarbeit mit der CAFE BAR MOKKA präsentiert das Kunstmuseum Thun ein Konzert des Berner Musikers Mich Gerber. Mit seinem Werk Drifting Clouds lädt der Kontrabassist zu einem musikalischen Erlebnis ein, das sich wie ein kontinuierlicher Strom entfaltet und Raum für Ruhe und Konzentration schafft. Tickets sind über mokka.ch erhältlich.
Susanne Keller – poetische Welten im Modellformat
Parallel dazu zeigt das Thun-Panorama die Ausstellung Susanne Keller. Hinterkammer des Auges vom 1. März bis 29. November 2026.
Die Zürcher Künstlerin beschreibt ihre Kunst als «Materialisierung eines poetischen Gedankennetzes». In ihren Guckkasten-Objekten, Fotografien und Gedichten entstehen kleine, geheimnisvolle Welten, die zum genauen Hinschauen einladen.
In einer Zeit, in der Bilder meist schnell über Bildschirme konsumiert werden, setzt Susanne Keller auf das bewusste Beobachten. Ihre Arbeiten fordern dazu auf, sich Zeit zu nehmen, Details zu entdecken und eigene Geschichten zu entwickeln.
Die Nähe zum berühmten Panoramagemälde von Marquard Wocher spielt dabei eine wichtige Rolle. Das weltweit älteste erhaltene Rundbild zeigt Thun um 1814 und ermöglicht den Betrachtenden einen faszinierenden Blick auf das damalige Stadtleben.
Keller greift für ihre Ausstellung die Idee von Bühne und Inszenierung auf. Im Mittelpunkt steht ihre Guckkasten-Serie von 2007. Durch Gucklöcher und Sehschlitze eröffnet sich dem Publikum der Blick auf unterschiedliche Welten – von Zirkus und Oper bis hin zu Jahrmarktsszenen. Damit entsteht eine spannende Verbindung zu Wochers historischem Wimmelbild.
Ergänzt werden die Guckkästen durch die Schwarz-Weiss-Fotografieserie Körner Gaumen mundet (2005–2007). Die atmosphärischen Aufnahmen wirken teilweise wie Erinnerungen an etwas Vergangenes, Verdrängtes oder Vergessenes. Unschärfen sowie punktuelle Über- und Unterbelichtungen verleihen den Bildern eine geheimnisvolle Stimmung.
Auch Texte und Gedichte gehören zur Ausstellung. An den raumhohen Glasfenstern beschäftigt sich Susanne Keller unter anderem mit dem menschlichen Sehen und Wahrnehmen, dem künstlerischen Schaffensprozess sowie mit der Idee von Kulissen und Inszenierungen.
Über Susanne Keller
Susanne Keller wurde 1980 in Zürich geboren und lebt und arbeitet heute ebenfalls dort. Nach einer Lehre als Fotofachangestellte studierte sie Bildende Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).
Ihre Arbeiten wurden bereits in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen gezeigt, unter anderem in der Kunsthalle Wil, der Zürcher Photobastei und am Fumetto Comix-Festival in Luzern.
Weitere Informationen: susannekeller.org
Kunstmuseum Thun und Thun-Panorama
Das Kunstmuseum Thun präsentiert jährlich mehrere Wechselausstellungen mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Kunst. Ergänzt werden die thematischen und monografischen Ausstellungen durch Präsentationen aus der eigenen Sammlung.
Im benachbarten Thun-Panorama befindet sich das Rundbild von Marquard Wocher – das weltweit älteste erhaltene Panorama. Es zeigt die Stadt Thun im Jahr 1814. Wocher fertigte das 360-Grad-Bild an, nachdem er sich mitten in der Thuner Altstadt auf einem Dach positioniert hatte.
Der moderne Glasanbau des Thun-Panoramas bietet heute Raum für Sonderausstellungen und Veranstaltungen und schafft damit eine besondere Verbindung zwischen historischer Stadtansicht und zeitgenössischer Kunst.
Kunstmuseum Thun | Schnittstellen der Sicht. Hans Gerber und Sabine Hertig
Quelle:
Kunstmuseum Thun
Bilder:
Kunstmuseum Thun und Rolf Griesche














